Begrenzter Raum

Kurzgeschichte Nr. 1

 

Heute gibt es mal keinen richtigen Artikel, sondern eine kleine Geschichte, die ich mal geschrieben habe. Es geht um den Löwen Anakin, der sein Leben in einem Käfig verbrachte, Hoffnung und Willen verlor. Die Geschichte ist wirklich kurz und hat auch kein fröhliches Ende, aber so habe ich das Gefühl versucht loszuwerden, überhaupt nicht von der Stelle zu kommen, egal was passiert.

Anakin kam nicht aus seinem Loch heraus, aber ich hoffe, dass du es kommst. Egal was passiert.

 

 

Begrenzter Raum

 

Es lebte einmal ein Löwe namens Anakin. Anakin war ein unglaublich hübscher Löwe mit prächtiger Mähne, hellem Fell und starken Pranken. Doch egal, wie schön er auch war, ein schönes Leben hatte er nicht. In seinen braunen Augen lag eine tiefe Traurigkeit verankert.

Er war kein stolzer Löwe, kein König der Savanne und kein Vater vieler kleiner Thronfolger.

Nein.

Anakin lebte seit seiner Geburt in einem Zoo, geleitet von einem kaltherzigen Mann, der nur den Profit sah und nicht das Wohl der Tiere.

Sein Gehege war ein Käfig. Er maß vielleicht gerade mal 5×7 m². Ich muss wohl nicht erwähnen, dass dieser Platz absolut nicht ausreichend war. Die Gitterstäbe waren rostig, der Boden ausgelegt mit feuchtem Stroh und als Spielzeug diente ihm ein alter Leinensack, der bereits vollkommen zerfetzt und verfault war. Über allem flackerte eine einzelne Neonlampe, die des Öfteren stundenlang gar nicht leuchtete.

Die Besucher des Zoos beobachteten tagtäglich wie Anakin seine kleinen Runden drehte. Immer und immer wieder. Seine Krallen wurden dadurch unnatürlich stumpf und sein Sichtfeld langsam kleiner.

Manch Erwachsener beschwerte sich über die Haltung der Tiere und blieb dem Zoo fern. Kinder warfen mit Erdnüssen und Gummibärchen nach ihm, wurden dann von ihren Eltern dafür ausgeschimpft. Anakin ignorierte die Kampfgeschosse, aber vielleicht bemerkte er sie auch gar nicht mehr.

Um halb drei gab es Fleisch versetzt mit Vitaminen, die sein Fell zum Glänzen brachten und Medikamenten, die ihn träge machten.

Manchmal fraß er es, meistens aber nicht.

Er wurde dünner und dünner, blinder und blinder, älter und älter.

Ganze neun Jahre verbrachte er so. Tag ein, Tag aus. Der Leinensack, Fleisch um halb drei, Gummibärchen, Runden laufen, immer Richtung Uhrzeigersinn. Tag ein, Tag aus.

Irgendwann jedoch wurde der grausame Zoobesitzer wegen Erpressung angeklagt und ging für seine Vergehen ins Gefängnis.

Der Zoo fiel zuerst in die Hände des Staates, aber nach einigen Wochen wurde er von einem jungen Mann gekauft, der sein Leben lang Tieren geholfen und durch sein Erbe sehr viel Geld zur Verfügung hatte.

Er scheute keine Mühen um für jedes Tier genau die richtigen Umstände zu schaffen, damit es die dunklen Zeiten vergessen und sein weiteres Leben genießen konnte.

Auch Anakin bekam ein neues weitläufiges Gehege. Es besaß erhöhte Plätze, eine versteckte Höhle, eine Menge Savannengras und er bekam sogar eine Gefährtin. Sie hieß Antoinette, eine gebürtige junge Französin mit sandfarbenen Fell und großen fröhlichen Augen. Sie war sehr lebhaft und sollte den zurückhaltenden Anakin aufmuntern.

Doch Anakin erkundete das Gelände nicht, sondern drehte seine Runden. Genauso groß wie er sie Jahre lang beschritten hatte. Immer und immer wieder.

Durch nichts konnte er davon abgehalten werden. Nicht durch Antoinette, die um ihn herumwuselte; nicht durch saftiges Fleisch ohne Zusatzstoffe; nicht durch plötzlichen Regen; nicht durch Lärm; nicht durch Spielzeug.

Seit seiner Geburt hatte er nur diesen einen Käfig gekannt, nur diesen einen Platz. Sein Sichtfeld war nun genauso groß und er zog seine beengten Bahnen.

Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde.

 

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