Ein Bericht der Seminarfahrt

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Ich habe es geschafft!!!

 

Oh mein Gott, ich habe es tatsächlich überstanden. Zwischenzeitlich habe ich echt gedacht, ich packe es nicht, aber zum Glück konnte ich es doch durchziehen. Nach der letzten Fahrt im September habe ich wohl ganz vergessen, was für Klassenfahrt-Feeling eine solche Woche hat und wie sehr ich die damals schon gehasst habe.

Im Grunde finde ich die Fahrt ja ganz cool, man lernt eine Menge und verbringt eine eigentlich entspannte Zeit, keine wirkliche Arbeit und nervige Kollegen, aber für mich ist das eben nicht entspannend. Zu viele Menschen, zu wenig Freizeit, man ist nie allein und immer gezwungen in einer Gruppe zu arbeiten. Ein Freiwilliger arbeitet wohl nie allein. Das scheint eine biologische Unmöglichkeit darzustellen.

Ich erzähle dir mal einige Einzelheiten aus der Woche und schreibe si emir so von der Seele.

 

Montag – Die Ankunft

 

 

Meine Gruppe besteht eigentlich aus 25 Leuten, aber wir waren nur 22 und zwei Begleiter. Es gab zum Glück nicht dieses peinliche Schweigen, wenn man sich eine Weile nicht gesehen hat, jeder hat sich zueinander gesellt und geredet. Also ich stand daneben und habe gelächelt. Immerhin.

Wir trafen uns am Berliner Hauptbahnhof und sind mit dem Zug in das Dörfchen Baitz gefahren. Es ist eigentlich ganz hübsch, ruhig, nicht viel los und liegt direkt an einer schönen Landschaft, Wiesen und Wälder sind dort vorhanden.

In der Herberge angekommen haben wir dann die Zimmer aufgeteilt. Ich bin mit zwei anderen in eines gezogen, mit meiner Kollegin aus der Einsatzstelle und einem Mädchen, welches ich auch schon aus der Grundschule kenne, deswegen war das ganz in Ordnung. So musste ich mich nicht auch noch auf dem Zimmer so unwohl fühlen.

Dann ging es los mit der Arbeit. Es wurden Vorträge gehalten über Energieverschwendungen, Energiegewinnung und Klimaschutz. Alles sehr interessant und trocken, theoretisch. Ich mag theoretisch. Nur zuhören und in einem Stuhlkreis sitzen ohne angestarrt zu werden ist das Beste, was es auf dieser Fahrt gibt.

Zwischendrin gibt es übrigens immer wieder sogenannte Wups, also Warm Ups. Es sind Spiele, die die Teamfähigeit steigern sowie die grauen Zellen und müden Körper aktivieren sollen. Ich mag diese Spiele gar nicht, da kannst du dich nicht hinter anderen verstecken, aber gerade deswegen sind sie eigentlich auch gut für mich. Dennoch habe ich dabei immer ein flaues Gefühl.

Ich habe einiges neues gelernt und man bekommt wirklich immer wieder Bauchschmerzen, wenn man hört, wie blind die Menschen bisher einfach nur Profit gemacht haben, noch immer machen, und sich nicht darum scheren, wie es der Umwelt und der nächsten Generation ergeht. Aber ich schweife ab.

Später ging es wieder einmal darum seine Einsatzstelle vorzustellen, diesmal nur in einer Zweierrunde. Man sollte sich jemanden suchen, mit dem man nicht so oft redet und ihm einiges über seine Arbeit erzählen. Ich hasse solche Aufgaben. Es hat einen Grund, warum ich nicht so viel mit ihnen rede. Die meisten sind so extrovertiert, dass sie auch gar nicht bemerken, dass ich einfach nur schüchtern bin. Die meisten halten einen dann für arrogant und überheblich. Ein bekanntes Problem, leider. Aber ich kann wenigstens noch ganz normal sein, wenn ich nur mit einer kleinen Gruppe reden muss. Zwar bin ich nicht locker und rede nur, wenn ich es muss, aber ich bekomme wenigstens überhaupt den Mund auf.

Das Kochen dauerte lange. Jeden Tag kocht eine andere Grußße von uns, wir versorgen usn komplett selbst und alle essen vegan, da es ein paar Veganer unter uns gibt. Zum Leidwesend er Fleischesser. Wir aßen erst um halb neun. Im Grunde habe ich da nichts gegen, ich bin immer lange auf, aber durch diese ständige Interaktion könnte ich schon um 17 Uhr ins Bett fallen, nur ist da noch zu arbeiten.

Aber der erste Tag ging ohne großen Zwischenfall zu Ende.

 

 

Dienstag – meine kleine Existenzkrise

 

Dienstag war schlimm, richtig schlimm. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, warum. Vermutlich habe ich ein paar Minderwertigkeitskomplexe bekommen, weil dort alle um mich herum ziemlich klug sind und über jedes beliebige Thema einen Vortrag halten könnten. Ich bin nicht so schlau wie sie, nicht so offen. Ich meine ich kann auch lustig sein und kenne mich auch in einigen Bereichen aus, aber nicht in denen, die für die Seminarfahrt relevant sind. Da brauchst du kein Wissen über Kafka oder Bach.

Wir spielten draußen also ein Quiz zu Energiethemen. Es gab insgesamt 30 Fragen auf Zetteln verewigt und auf dem ganzen Gelände verteilt. Wer am besten würfelte, am meisten wusste, am schnellsten die Numern fand und am schnellsten im Ziel war, hatte gewonnen. Mein Team bestand mit mir aus Vieren und ich habe es geschafft, rein gar nichts zum Erfolg des zweiten Platzes beizutragen. Ich bin nur mitgerannt.

Irgendwie hat mich das mega runtergezogen. Mein Talent alles schwarz zu sehen und mich hineinzusteigern hat ganze Arbeit geleistet. Ich habe nichts gutes mehr an mir gesehen und nur alles Schlechte, jede Facette meiner Depression hat mich heruntergedrückt.

Zwischendurch hatte ich mich wieder im Griff. Wir besuchten die Baitzer Heizer, besichtigten das Gebäude, die Heizkessel und so. Ich habe leider nicht viel verstanden, weil der Mann so leise gesprochen hat, dass man ihn nur einen Meter weit verstanden hat. Also lief ich einfach nur mit.

Später musste ich dann noch einen Vortrag über Erdöl und Ergas halten. Natürlich in Gruppenarbeit. Während der Erarbeitung der Fakten erinnerte mich alles sehr an die Schulzeit. Dazu kamen die Gefühle des Morgens. Es ging so weit, dass ich mich übergeben musste.

Es war wie gesagt echt schlimm. Im Nachhinein weiß ich, dass ich echt übertrieben und mich voll hineingesteigert habe. Aber in dem Moment erinnerte es mich so an die Schule und so an meine Angst, dass es mir richtig schlecht ging.

Ich habe nur noch den Vortrag beendet und mich dann bei der Seminarleiterin abgemeldet. Den Abend über habe ich geheult und meine Mom angerufen. Sie hatte echt Arbeit damit, mich aufzubauen und ich habe auch drüber nachgedacht nach Hause zu fahren, aber ich wollte nicht schon wieder aufgeben.

Das Abendessen habe ich also ausgelassen und ich bin früh ins Bett, hab‘ mich eingemummelt und einfach an nichts gedacht. Nur Musik gehört und irgendwann geschlafen.

 

 

Mittwoch – 9 Tassen Tee

 

Am nächsten Tag musste ich natürlich wieder mitmachen. Ich ging zum Frühstück rüber und wurde nicht mal gefragt, wo ich war. Die meisten haben es vermutlich nicht mal mitbekommen, dass ich nicht da war. Die anderen fragten, wie es mir ging und ich sagte: „Besser“.

Das stimmte sogar. Ich hatte mich ausgeheult und war zu dem Schluss gekommen, dass alles vorbeigeht. Auch diese Woche. Ich beschloss, sie einfach so zu Ende zu führen wie ich es konnte. Ohne mir Druck zu machen und machen zu lassen.

Mittwoch war so gesehen sehr schnell vorbei und einfach. Wir spielten den ganzen Tag Changing the Game. Du hast aus Lego gebaute Türme, die den Energieverbrauch darstellen und jede Gruppe ist eine Region von Europa, ich war zum Beispiel im Süden. Es spielt im Jahr 2030, so wird der Verbrauch aussehen, wenn die Menschheit weitermacht wie bisher. Mit anderen Worten katastrophal. Ziel ist es, den Verbrauch zu senken und zu optimieren, nachhaltiger zu gestalten, sodass es eine reinere Zukunft geben kann.

Natürlich in Gruppenarbeit, aber ich hatte Partner, die sehr offen sind und das Spiel quasi unter sich spielten. Ich saß daneben, warf ab und zu mal einen Kommentar ein und las die Regeln vor. Wir beschäftigten uns damit am Vormittag und Nachmittag, zwischendrin gab es nur Mittagessen und eine kurze Pause.

Ich trank ganze neun Tassen Tee (ich mag Tee eigentlich nicht besonders, aber gut: an Tassen kann man sich gut festhalten) und durchschritt den Tag, so gut wie ich konnte. So war es der beste Tag der Woche. Mein Tiefpunkt war überwunden und ich sah nicht mehr so traurig aus, dass die Seminarleiterin mich fragte, ob alles okay sei.

Am Abend gab es das Essen gar nicht so spät, also schon um acht, und in der Talking Stick Runde konnte ich meinen Part schnell runterrasseln.

Die Talking Stick Runde ist so etwas wie eine Feedbackrunde, der Tag wird nochmal zusammengefasst, der Talking Stick wechselt den Besitzer und jeder beantwortet die Frage, die der tägliche Besitzer sich ausgedacht hat. Der Stick ist einfach nur ein Stock, den jeder, der ihn mal hat, verzieren darf. Am Schluss soll er dann ein kleines Kunstwerk sein. Mal sehen, wie er dann wirklich aussieht.

 

 

Donnerstag – der stolze Reh-Clan

 

 

Donnerstag gab es einen Exkurs zum Thema Wolf. Denn in den Wäldern dieser Gegend sind seit einigen Jahren wieder Wölfe zu Hause und so machten wir einen Ausflug in den Wald.

Der Leiter des ganzen Ausflugs war ein cooler Typ, der sich wirklich Mühe gegeben hat und es war echt interessant und spaßig. Wir haben uns in Clans aufgeteilt, ich gehörte zu den Rehen, es gab aber auch Hasen, Füchse und Dachse, und er erzählte uns ein paar Fakten zu Wölfen. Er quatschte uns aber nicht nur zu, ließ uns die Spuren analysieren, die er mit einem Abdruck einer Wolfspfote gemacht hatte und wir machten die verschiedenen Gangarten nach. Das fand ich nicht so lustig, da ich es überhaupt nicht leiden kann, wenn jeder starrt und über mich lacht, aber wir haben ja alle über jeden gelacht, deswegen ging es noch.

Im Wald haben wir uns etwas Zeit genommen zu fühlen, zu hören und zu genießen.

In einer Sandgruppe haben wir dann weitere Fährten von unseren Clantieren gesucht und sollten uns Geschichten dazu ausdenken. Wie kamen sie dahin, wo wollten sie hin und wo kamen sie her. Ein Junge erzählte eine etwas blutige Geschichte, aber wir haben sie dann noch in eine familienfreundliche Version abgeändert.

Insgesamt waren wir vier Stunden draußen, ich bin halb erfroren, aber es war eines der coolsten Dinge, die ich je mitgemacht habe. Es war auch schön zu sehen, wie der Leiter des Kurses durch die Spuren zu begeistern war, wie enthusiastisch er darüber reden konnte. Man hat gesehen, welchen Spaß es ihm macht.

Am Nachmittag gab es dann noch Worshops zur Energiesenkung und Kernenergie, das waren die beiden Workshops, die ich mitgemacht habe. Auch das war interessant und hat nochmal neue Ideen vermittelt, was man tun kann, um die Welt ein bisschen zu verbessern.

Dann musste ich kochen, Linsensuppe, Kürbispommes, Baguette, Grießbrei und Milchreis. Resteverwertung. Es war anstrengend so viel gleichzeitig zu machen, wir haben uns auch ein bisschen in die Haare bekommen, aber da ich mit den Mädels in meiner Kochgruppe gut klarkomme, haben wir uns schnell wieder gefangen und es gab relativ pünktlich leckeres Essen.

In der Nacht gab es draußen dann bei leichten Regen noch ein Lagerfeuer und die letzte Talking-Stick-Runde in dieser Woche. Ich habe mich dann relativ schnell verabschiedet und schon meine Sachen gepackt. Ich habe mich wirklich gefreut, dass es am nächsten Tag wieder nach Hause ging.

 

 

Freitag – endlich nach Hause

 

 

Frühstück vorbereiten und auf alle warten, die sich erst um halb neun zum Essen gesellten. Danke dafür. So mussten wir schnell unsere eigenen Zimmer drüben aufräumen und leer räumen und dann im anderen drüben, das Chaos in der Küche beseitigen. Andauern kam noch neues Geschirrr dazu, aber wir haben es mit nicht allzu großer Verzögerun geschafft fertig aufzuräumen.

Zum Abschluss gab es dann noch tausend Feedback-Runden, Fragebögen und Gefühlsmonster (ein Plakat mit verschiedenen Monster drauf, die ein Gefühl ausdrücken und du musstest deinen Klebepunkt, an die entsprechende Stelle setzen). Aber wir haben es tatsächlich geschafft, dieses Dorf zu verlassen und wieder nach Berlin zu fahren. Es war ein Drama nach Hause zu kommen, von Demonstranten bis hin zu nicht fahrenden Bahnen, aber ich konnte um vier Uhr wieder in meinem Bett liegen und durch die Wohnung tanzen. Oh mein Gott. Wie ich diese kleine Wohnung liebe.

 

 

So, das war jetzt ein langer Artikel und ich hab mich ziemlich ausgebreitet, aber auch einiges weggelassen. Ich will ja auch nicht zu sehr langweilen.

Ich will nur nochmal sagen, dass es schlimm für mich war, ja. Aber ich habe es überstanden und vor allem habe ich nicht gekniffen. Ich bin am Montag nicht zum Arzt gegangen und habe mich krankschreiben lassen. Ich bin hingefahren, obwohl ich Angst hatte und das solltest du immer tun. Mache es, auch wenn du Angst hast, auch wenn du ein Tief hast. Es dauert nie für ewig an, es geht vorbei und du kommst wieder dahin, wo du gerne bist. Tue die Dinge immer, auch wenn du Angst hast. Angst darf keine Mauer sein, sondern ein Antrieb. Überwinde sie, immer wieder.

Ich habe dadurch viel gelernt und kam zum Schluss auch schon ein wenig besser mit den Menschen um mich herum klar. Ich werde wohl noch lange brauchen um so etwas problemlos meistern zu können, vielleicht auch nie. Aber ich werde nie wieder kneifen.

Das FÖJ ist eine gute Sache und deswegen werde ich es beenden und aus den Seminaren lernen, um etwa zu verbessern. Vor allem um mein Leben zu verbessern.

Ich will dir hiermit keine Angst machen. Wenn du ein freiwilliges Jahr machen möchtest, mache es bitte. Es ist eine gute Tat, eine Erfahrung und es bringt dich wirklich weiter. Lass dich nicht von meiner Angst oder anderen Menschen und ihren Kommentaren herunterziehen. Alles hat seine Hürden, aber das Leben besteht nun mal daraus, sie zu nehmen, egal was andere dazu sagen.

 

Damit wünsche ich dir noch eine wunderschöne erfolgreiche Woche,

deine Mina

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