Zukunftsängste und Entscheidungen

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Damals

Vor etwas weniger als einem Jahr hatte ich meine zweite schwere Phase in meinem Leben. Mir ging es sehr schlecht, ich war verzweifelt und ich hatte wieder schlimme Gedanken.

Der größte Grund: die Schule. Jahrelang hatte ich mich durch das Mobbing, den Leistungsdruck von Lehrern, Familie und mir selbst und diese riesengroße Angst vor anderen Menschen gekämpft. Jahrelang, seit der 5. Klasse, habe ich das alles mit Höhen und vielen Tiefen irgendwie durchgestanden.

Aber es kam der Tag, da war ich am Ende. Ich konnte keine Antworten mehr geben, ich konnte nicht mehr schreiben, essen, lesen oder schlafen. Ich hörte nicht zu, ich musste mich andauernd übergeben und versteckte mich vor Lehrern und Mitschülern.

Mir wurde schlecht, wenn ich die Schule nur sah, wenn ich nur an sie dachte. Oft fuhr ich hin und direkt wieder zurück, ließ mich krank schreiben. Alles war besser als in dieser Hölle von Stress, Enge und Übelkeit zu sein.

 

Schließlich konnte nicht mehr und redete mit meiner Mom darüber. Darüber, dass ich mein Abitur abbrechen wollte. Begeistert war sie natürlich überhaupt nicht.

Was ist mit deiner Zukunft? Was soll mal aus dir werden? Du brauchst einen guten Abschluss. Dir soll es doch mal gutgehen. …

Das hatte ich mich alles auch gefragt. Aber das schlechte Gewissen und die Angst vor der Zukunft waren nicht so groß, wie die Angst vor der Schule. Vor nichts hatte ich so Angst, wie vor diesem einem Ort.

Ich hasste mich dafür, dass ich aufgeben hatte. Neun Monate vor dem Ziel, vor dem Abschluss, blieb ich stehen. Ich legte mich einfach hin und sah die anderen an mir vorbei rennen, ihrem Ziel entgegen, ihrer Zukunft würdig.

Es war wirklich nicht einfach. Jede Stunde war ich zwischen meiner Entscheidung hin und her gerissen. Zu Anfang war ich nur krankgeschrieben. Ich hätte einfach zurück gehen und es weiter ertragen können, aber dann blinkten vor meinen Augen die Klausuren und Schüler auf und ich entschied mich dagegen zu kämpfen.

Ich blieb im Nirgendwo stehen.

 

Die letzten Monate

Zwei Monate war ich nur zu Hause, lag im Bett und vegetierte vor mich hin. Ich wollte zwar aufstehen und irgendwas machen, egal was, Hauptsache irgendwas zu tun haben, aber ich schaffte es nicht. Musik und Videos auf YouTube waren meine Beschäftigung, mein Bett mein zu Hause. Ich machte meine Mom verrückt, ich machte mich krank, motzte meine Freunde an und stritt mich mit jedem. Einfach, weil ich so unzufrieden mit mir selbst war und keinen Ausweg sah.

Später hatte ich dann endlich meinen ersten Termin bei meiner Therapeutin und hatte auch wieder einen Grund ab und zu mal das Haus zu verlassen. Die Gespräche halfen mir nicht immer, aber es war gut einfach mit jemanden zu reden, der nicht verurteilte und beurteilte, sondern versuchte zu verstehen.

Sie schickte mich auch in die Tagesklinik, wo ich etwa zweieinhalb Monate verbrachte.

Der Anfang war sehr schwer. Fremde Jugendliche und Erzieher mit denen ich fünf Tage die Woche auf einer Etage festsaß. Mein Alptraum in der Wirklichkeit. Zwei Wochen brauchte ich, um mit anderen einigermaßen reden zu können, aber je länger ich da war, desto besser ging es. Und so besser ging es auch mir. Klar war es Arbeit und anstrengend, jeden Tag hinzufahren, den Menschen ausgesetzt zu sein und die Therapien immer mitmachen zu müssen. Anderen etwas über mich zu sagen, fiel und fällt mir schwer, aber dort auf so engen Raum etwas zu verbergen, war nicht einfach.

Doch ich lernte mich selbst besser kennen, setzte mich mit mir und meiner Umwelt bewusst auseinander. Expositionstraining und Therapien zeigten mir, wie ich mit meinen Ängsten umgehen kann, wenn ich wirklich daran arbeite. Die Therapien fingen an Spaß zu machen, ich konnte wieder lachen und fand sogar neue Freunde.

Am Ende ist dort zwar vieles nicht so gelaufen, wie es hätte laufen können oder sollen, aber im Grunde war es eine gute Erfahrung. Ich habe vieles gelernt und dadurch mein Leben heute besser im Griff.

 

Heute

Heute, genau am 22.07.2017, ist meine Zukunft noch immer nicht ganz geklärt, aber ich habe Schritte unternommen, um sie zu gestalten, habe für Ausbildungen und ein FÖJ beworben.

Ich habe wieder angefangen zu zeichnen, ich schreibe wieder viel, arbeite daran, davon irgendwann einmal leben zu können und kümmere mich um eine Ausbildung.

Ich weiß zwar nicht, wie genau meine nächsten Jahre aussehen werden, aber ich kann bestimmen, wie mein Morgen aussieht. Natürlich habe ich noch immer Angst.

Angst vor der Ungewissheit, vor der Zukunft, vor dem Versagen und vor Menschenmassen. Aber ich weiß, wie ich daran arbeiten kann und ich tue es.

Zu Anfang war es schwer, die Hilfe anzunehmen, so lange habe ich mein Ding allein durchgezogen, aber es ist keine Schande für etwas Unterstützung zu brauchen. Das ist menschlich und vollkommen okay. Und den Weg geht man ja trotzdem allein, niemand trägt dich durch dein Leben. Du musst auf deinen eigenen Beinen gehen und das ist auch gut so.

 

Ja, vielleicht hätte ich die Schule nicht schmeißen dürfen. Aber damals war es die richtige Entscheidung für mich gewesen, sonst wäre ich daran wirklich zerbrochen. Wer weiß, was ich dann gemacht hätte.

Ja, ich hätte mir viele Schwierigkeiten ersparen können, wenn ich ein Abitur hätte und nicht nur einen MSA. Doch ich sage mir einfach: Ich habe wenigstens einen Abschluss, so lange hatte ich durchgehalten. Und das Abitur ist auch nicht vom Tisch. Nachholen kann ich es immer noch. Das ist zwar nicht perfekt, aber was ist das schon?

Das Leben besteht eben aus Höhen und Tiefen, aus Entscheidungen. Ohne diese kommen wir nicht durchs Leben. Jeder muss sie treffen, jeden Tag. Manchmal sind sie einfach und manchmal schwer. Aber egal, welchen Weg man geht, man darf sich nie komplett aufgeben.

 

Am Ende des Tunnels ist ein Licht und nach jedem Regen scheint auch wieder die Sonne. Diese Sprüche gehen nach einer Weile vielleicht auf die Nerven, aber sie sind wahr.

Es lohnt sich, nicht aufzugeben. Diese Welt ist viel zu schön, als das man einfach für immer aufgibt.

 

Welt in deinen Händen 300x200 - Zukunftsängste und Entscheidungen

 

 

 

 

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